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1. MEDRAGO - Die Hüterin des Feuers

Medrago – Die junge Drachin und Hüterin des Feuers

Wenn die Menschen Silvester feierten, wenn sie tanzten, lachten und das alte Jahr verabschiedeten, wurde es in Medrago still.

Während andere bunte Funken in den Himmel schossen, fühlte sie das Leuchten in der Tiefe. Und jedes Mal, wenn die Feuerwerke den Nachthimmel erhellten, zog sie sich für ein paar Minuten zurück auf das große Feld und lauschte in die Dunkelheit.

Plötzlich hörte sie eine Stimme in sich flüstern:

 „Du musst die Welt retten.“

 

Sie lächelte leise, schüttelte den Drachenkopf – wer erlaubt sich hier einen Spaß mit mir?

Wie sollte sie – ein einzelner Drache – die Welt retten? Sie fühlte sich zu klein und zu jung, zu unerfahren, zu gewöhnlich, auf jeden Fall viel zu empfindsam

Das ging gar nicht. NO GO! Mit einem Funken Feuer aus ihrem Drachenmaul protestierte sie heftig.

“Was werden denn die anderen sagen…SO WAS TUT MAN NICHT!

Und doch ließ sie dieser Satz viele Jahre nicht los.

Seit ihr Geburt war die Drachin Medrago Teil des großen Netzes der Geborgenheit – ihrer Familie, ihrer Drachensippe, ihrer Feuerlinie.

Sie glaubte zu wissen: Hier ist mein Platz – für immer und ewig.

Doch eines Nachts spürte sie einen weiteren Ruf – in einem Traum.
Sie sah sich, wie sie ihr Bündel an Habseligkeiten packte und sich von ihren Liebsten verabschiedete.
Schweren Herzens breitete sie ihre Flügel aus und flog in die Ferne.

Ein Traum, der ihr das Herz zerriss. Kein Gedankenfunke in ihr hätte je so etwas zugelassen,
und mit keiner Glutfaser ihres Herzens konnte sie diesem inneren Ruf folgen.

„Warum gerade ich? Ich bin doch niemand Besonderes.“

In ihrer Verzweiflung setzte sie sich auf das große Feld,
dort, wo sie einst diesen Satz vernommen hatte.
Sie weinte, sie tobte, sie schrie – Feuer und Rauch sprühten aus ihrem ganzen Körper.

Das Gras war noch braun vom kalten Winter,
doch plötzlich kitzelte sie ein einzelner grüner Halm an der Nasenspitze.
Als hätte dieser Halm magische Kräfte, erfüllte er sie mit tiefem Frieden
und einem Vertrauen, das ihr ganzes Wesen durchströmte.
Das Feuer in ihr beruhigte sich allmählich.

Es kam, wie sie es erwartet hatte:
Die anderen Drachen waren zornig und beleidigt auf sie –
und doch empfand sie tiefes Verständnis für sie.

Nur wenige, weise, alte Drachen wussten um diese besonderen Aufgaben.
Denn auch sie hatten einst – in jungen Jahren –
ihren eigenen Spuren in die Fremde folgen müssen.

Diese alten Drachen machten ihr Mut
und umarmten sie zum Abschied herzlich.

Ohne zu wissen, wozu oder warum,
machte sie sich auf den Weg.
Tränenüberströmt, drachenmutterseelenallein,
tieftraurig – und doch begleitet
von einem stillen, tiefen Vertrauen,
dass alles seine Bestimmung hat
und sie eines Tages wissen würde,
warum sie diesen Pfad beschritten hatte.

 

Als sie durch den ersten dunklen Tunnel flog, brach das Netz zusammen, das sie bis dahin getragen hatte – das alte Verbindungssystem für den Weg zurück. Es war, als hätte das Leben selbst die Leitung gekappt, damit sie nur noch ihr eigenes Rufen hören konnte.

Stunden der Stille. Kein Kontakt. Kein Außen. Nur der eigene Atem – und das eigene Feuer.

Doch in dieser Stille begann sie zu verstehen: Das, was sie für ein Verlassen hielt, war in Wahrheit der Weg ihrer Drachenmeisterschaft.

Sie verließ also die vertrauten Höhen, flog durch Nebel, Täler und Wüsten, durch Jahre des Kämpfens und des Suchens. Sie war voll Vertrauen – und voll Zweifel zugleich. Wollte so schnell wie möglich ihre Aufgabe erledigen, von der sie noch immer nicht wusste, worum es genau ging.

Sie verbot sich, tiefe Freude zu leben, und hüllte sich in einen Mantel aus Schuld und Scham. Sie fiel tief, verlor sich, suchte Halt – fand ihn manchmal, bis sie ihn wieder verlor. Bis sie endlich begriff, dass es keinen Sinn machte, sich dem innersten Drachenruf zu widersetzen.

In den tiefsten Höhlen lernte sie, dass Dunkelheit kein Feind war, sondern ein Raum, in dem auf magische Weise neues Licht geboren wurde. Jeder Schatten trug den Samen – für das innere Feuer und die unbändige Lebenskraft.

So begann Medrago, die Orte zu besuchen, die andere mieden. Sie trat in die Finsternis, zündete ihr Herzlicht an und erfüllte all ihre Abenteuergeschichten – besonders die schmerzhaften – mit Wärme.

Je tiefer sie ging, desto heller wurde ihr Inneres. Jede Träne, jeder Schmerz, sogar Schuld und Scham verwandelten sich in Glut, in Mut, in Liebe und in Weisheit.

Eines Tages, als sie aus einer dieser Höhlen trat, hörte sie die Stimme abermals: „Du bist dabei, die Welt zu retten.“ In diesem Moment fiel es ihr wie Schuppen von den großen Drachenaugen.

Da verstand sie endlich: Die Welt zu retten geschieht nicht laut, nicht auf Bühnen, nicht durch Heldentaten. Es geschieht dort, wo ein Herz sich erinnert, wo ein Wesen seine Dunkelheit durchlichtet, wo es beginnt, sich selbst zu lieben – und damit das Lichtnetz aller anderen stärkt.

Von da an kämpfte sie nicht mehr gegen den Wind, sondern tanzte mit ihm.

Heute ruht sie zwischen Himmel und Erde – nicht als Königin, nicht als Retterin, sondern als verbindendes Herz im Netz des Lichts.

Jeder ihrer Flügelschläge bewegt die feinen Fäden bis zu ihrer Familie und weit darüber hinaus. Die Verbindung hat sich gestärkt, und sie weiß heute, dass sie alle nie voneinander getrennt waren.

 

Sie ist Medrago – die FRIEDLICHE Drachin und Hüterin des Feuers.

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